Kein Bürojob und hippe Klamotten: Viele Fahrradkuriere fühlen sich erst cool, dann ausgebeutet – davon wissen zwei Aussteiger zu berichten. Aber ein Kurierkollektiv zeigt, dass es auch anders geht – inklusive Mindestlohn und Festanstellung

Die sieben Jahre auf Berlins Straßen endeten für den Fahrradkurier Fabian Wolter* buchstäblich über Nacht. Er hatte die schlechten Arbeitsbedingungen satt, zu wenig Geld, zu viel Unsicherheit. Also wollte er ohnehin aufhören, als Kurier zu arbeiten – aber nicht, ohne seinem Arbeitgeber noch etwas Kritik mitzugeben. Mit einem Neujahrskater setzte sich Wolter im Januar hin und tippte auf Facebook seinen Frust in die Tasten.

Er schrieb: „Warum ich das poste ist einfach, die meisten Aktiven werden sich in einer ähnlichen Lage befinden.“ Und für die hatte der 26-Jährige einen Rat, der bei seinem Arbeitgeber schlecht ankam: „Sagt doch einfach auch ‚Leckt mich am Arsch und sucht nen anderen Idioten‘“. Tags drauf hatte er die Kündigung in der Tasche.

Wolters frustrierter Abschiedsgruß auf Facebook war an den größten Berliner Kurierdienst „messenger“ gerichtet. Rund 140 KurierInnen sind dort beschäftigt. Die eine Hälfte transportiert größere Pakete mit dem Auto, die andere fährt bei jedem Wetter Filmrollen, Arzneiproben oder Dokumente durch die Stadt. Von Charlottenburg in den Prenzlauer Berg, dann über Friedrichshain zurück nach Schöneberg. Mit zehn bis zwölf Touren bringt es ein Fahrradkurier am Tag schon mal auf 150 Kilometer. Für diese harte Arbeit kassieren die Kuriere aber „Hungerlöhne“, findet Wolter.

Für die 160 Stunden, die er im Monat für messenger Pakete und Briefe auslieferte – und zwar acht Stunden täglich –, erhielt er im Schnitt 1.200 Euro. Erwirtschaftet hatte er aber um die 2.000 Euro. Der Grund für die Differenz: messenger behält 37 Prozent der Bruttoeinnahmen als Provision ein, mindestens aber 300 Euro.

Im Gegenzug vermittelt die Firma den KurierInnen Aufträge. Nur: Von dem Resthonorar musste Wolter noch seine Krankenversicherung und Steuer bezahlen. Schließlich stellt messenger Kuriere nicht fest an, sondern beschäftigt sie als „Selbstständige Unternehmer“, wie es in Punkt 1 seines Vertrages heißt.

Für Fabian Wolter bedeutete das: Ihm blieben von den ausgezahlten 1.200 Euro nach eigenen Angaben nur 800 Euro zum Leben. Oder noch weniger, wenn er mal krank war und für ein oder zwei Wochen ausfiel. „Das ist überall in der Branche so“, sagt Fabian Wolter drei Wochen nach seiner Kündigung. Der junge Mann mit den Wuschelhaaren lacht bei diesen Worten, so als ob das alles nur ein schlechter Scherz sei. „Auch twister, Cosmo oder Ex-Bo locken mit tollen Verdienstmöglichkeiten“, so Wolter ironisch. „Nach ein paar Jahren merkt man, dass nur die Geschäftsführung die Gewinne einsteckt.“

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