Vor dem kurdischen Flüchtlingslager Machmur im Nordirak marschieren Spezialeinheiten der Peschmerga auf

Nach Angriffen auf die Selbstverwaltung der Jesiden in der Region Sindschar (jW berichtete) am vorletzten Wochenende weitet die mit der Türkei verbündete Demokratische Partei Kurdistans (KDP) ihre Attacken gegen oppositionelle kurdische Gruppen im Nordirak aus. Die auch mit deutschen Waffen ausgestatteten Peschmerga, die Streitkräfte der »Autonomen Region Kurdistan« innerhalb des Irak, bezogen am Sonnabend morgen unweit des südöstlich von Mossul gelegenen kurdischen Flüchtlingslagers Machmur Stellung. »Es sind mindestens 100 Fahrzeuge mit Kämpfern«, erklärte Polat Bosan, Mitglied des Komitees für Außenbeziehungen des Camps, gegenüber junge Welt. »Sie haben Panzer, ›Hummer‹-Fahrzeuge und schwere Waffen. Die Gruppe, die jetzt anrückt, ist eine Spezialeinheit. Es ist das erste Mal, dass derartige Truppen hier eingesetzt werden.«

Der Grund des Aufmarsches ist, dass der Präsident der kurdischen Autonomieregion, Masud Barsani, das Flüchtlingslager unter Zwangsverwaltung stellen will. Machmur regiert sich derzeit selbst. In dem zu einer Kleinstadt ausgebauten Camp gibt es ein umfassendes System der Rätedemokratie. Die 12.000 hier lebenden Menschen waren in den 1990er Jahren vor dem türkischen Staatsterror in den Irak geflohen. Sie stehen der kurdischen Befreiungsbewegung rund um die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) nahe.

Die Türkei will nicht länger tolerieren, dass diese Menschen dort im Irak bislang autonom und ohne äußere Einmischung leben können. Der autoritär regierende türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan hatte seinen Verbündeten Masud Barsani in den vergangenen Monaten mehrfach dazu aufgefordert, die kurdische Autonomieregion von Anhängern der PKK zu »säubern«. Seit zwei Wochen scheint letzterer diese Aufgabe militärisch erfüllen zu wollen.

Ziele wurden dabei mit Sindschar und jetzt Machmur zwei Städte, in deren Umgebung Kräfte der PKK-Guerilla HPG stationiert sind. Beide Orte waren 2014 vom »Islamischen Staat« (IS) angegriffen worden, Barsanis Peschmerga zogen sich damals zurück und überließen die Bevölkerung schutzlos der Dschihadistenmiliz. Polat Bosan erinnerte daran: »Die Guerilla hat dann das Gebiet befreit. Große Gebiete übergab die HPG wieder der KDP, aber die Bevölkerung im Camp wollte, dass die Guerilla bleibt. Wir vertrauen der KDP nicht. Sie sind schon einmal weggelaufen, als der IS kam.« Zudem hält die Bevölkerung von Machmur den türkischen Präsidenten für den eigentlichen Hintermann der jetzigen Angriffe: »Barsani führt aus, was ihm Erdogan vorgibt«, sagen viele.

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