m Folgenden werde ich einige Erkenntnisse wiedergeben, welche ich durch meine intensive Beschäftigung mit der politischen Theorie des Anarchismus gewonnen habe. Die Grundüberlegung lautet, dass es im anarchistischen Syndikalismus ein Unbehagen mit Politik gibt und eine bestimmte Kritik an ihr besteht, während zugleich eine Bezugnahme auf Politik geschieht und auch unvermeidlich ist. Gerade aus diesem Spannungsverhältnis entspringen direkte Aktionen, dynamische Organisationen und eine konstruktive sozial-revolutionäre Perspektive. Die im Beitrag formulierte Herangehensweise ist keineswegs an sich „richtig“, sondern ein Vorschlag, um anarch@-syndikalistische Praxis zu interpretieren und zu reflektieren. Der Wahrheitsgehalt dieses theoretischen Inputs erweist sich letztendlich in Erfahrungen, Diskussionen und sozialen Kämpfen.
Mit meinem Text verfolge ich vier Ziele: Erstens möchte ich Interessierten Wissen vermitteln, zweitens Genoss*innen anregen, sich ein Bewusstsein über ihre Tradition und Position, ihre Organisations- und Aktionsformen zu bilden, drittens das theoretische Denken im Anarchismus weitergeben und erneuern und viertens auf meine Tätigkeiten hinweisen.

Zur Kritik der Politik im anarchistischen Syndikalismus

Mitte bis Ende des 19. Jahrhunderts differenzierte sich die sozialistische Bewegung in drei Hauptrichtungen aus. So entstanden die Sozialdemokratie, der Parteikommunismus und der Anarchismus. Während erstere beiden sich auf die politische Reform und die politische Revolution als wesentliche Transformationsstrategien bezogen, stand unter anderem die Ablehnung dessen, was in dieser Zeit unter „Politik“ verstanden wurde, im Zentrum des Anarchismus. Anarchist*innen bezogen sich auf das Konzept der sozialen Revolution, mit der sie radikale und umfassende Gesellschaftstransformation nicht durch die Beeinflussung oder Übernahme des Staates, sondern durch dezentrale, autonome, freiwillige und föderierte soziale Bewegungen und selbstorganisierte Kommunen erreichen wollten.

Der Anarchismus ist pluralistisch. Interessant ist, dass alle seine Tendenzen – individualistischer, mutualistischer, kommunistischer, insurrektionalistischer, syndikalistischer und kommunitärer Anarchismus – eine ausgeprägte Kritik an der Politik beinhalten. Aus dieser Kritik geht eine skeptische Grundhaltung gegenüber Politik hervor. Und daraus leitet sich ein Streben nach Autonomie ab, dass von allen anarchistischen Strömungen geteilt wird, aber in verschiedene Praktiken, Stilen, Organisations- und Aktionsformen mündet. An dieser Stelle gehe ich aus naheliegenden Gründen vor allem auf den Anarch@-Syndikalismus ein.

Eine Abwehrhaltung gegen die Politisierung des Sozialismus

Der europäische Anarchismus entstand wie erwähnt in einer historischen Phase, als die sozialistischen Graswurzelbewegungen politisiert wurden. Statt hierarchische Parteien zu gründen und innerhalb bzw. mit Hilfe des bürgerlich-kapitalistischen Staates Reformen anzustreben oder politisch-revolutionäre Avantgarde-Gruppen zu bilden, um die Staatsmacht zu übernehmen und eine „Diktatur des Proletariats“ zu errichten, setzten Anarchist*innen weiterhin auf dezentrale und autonome Selbstorganisation. Sie verwarfen den Parlamentarismus als herrschaftsförmige Vermittlung gesellschaftlicher Konflikte und wollten soziale Kämpfe außerhalb des Rahmens der institutionalisierten politischen Herrschaft führen. Damit lehnten sie den modernen Nationalstaat – mit seiner Bürokratie, seinen Bildungsinstitutionen, seinem Militärapparat, seinem neu entstanden Sozialstaat und der ihm dienenden Staatskirchen – insgesamt ab und suchten nach anderen Formen, um egalitäre, freiheitliche und solidarische Gemeinwesen zu organisieren.

Während Marxist*innen aus ihrer Kritik an der Politik die Schlussfolgerung zogen, dass es eine sozialistische Politik brauche, um einen „sozialistischen Volksstaat“ zu errichten, teilten Anarchist*innen diese Ansicht nicht. Sie gingen davon aus, dass Herrschaftsverhältnisse nur gleichzeitig miteinander überwunden werden konnten. Dass also der Kapitalismus nicht mit, sondern nur gegen den Staat überwunden werden kann. Statt eine umfassende Entwicklung von staatlichen und kapitalistischen Verhältnissen als Voraussetzung für eine sozialistische Gesellschaftsform anzusehen, nahmen sie an, dass erstrebenswerte gesellschaftliche Verhältnisse parallel zu den dominierenden Herrschaftsverhältnissen bestehen. Dies ist der Grund, warum syndikalistische Anarchist*innen nicht ausschließlich oder hauptsächlich für höhere Löhne, sondern für weniger Arbeitszeit, Demokratisierung und Selbstverwaltung von Produktionsstätten, die Vergesellschaftung von Privateigentum und schließlich für die Abschaffung von Lohnarbeit zugunsten von freiwilligen, selbstbestimmten und sinnhaften Tätigkeiten kämpfen.

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