Die Streikwelle in Großbritannien kommt nicht zum Stillstand. Immer mehr Sektoren rufen zum Streik auf. Mit Blick auf die Vorsitzwahl der Konservativen Partei und die immer stärker werdende soziale Krise stellt sich die Frage, welche Ausmaße der Klassenkampf diesen Herbst annimmt.

Ab dem morgigen Sonntag befinden sich die 1900 Hafenarbeiter:innen des Felixtower Hafens im Arbeitskampf. Der 8-tägige Streik stellt den ersten und größten Streik in diesem Sektor seit 1989 dar und ist Teil einer seit Anfang des Sommers anhaltenden Streikwelle, die unter anderem Beschäftigte im Transport-, Post-, Gesundheits-, Hafen- oder Logistikwesen umfasst. Sie zeichnet sich bis jetzt vor allem durch die sehr hohen Zustimmungswerte in den Urabstimmungen und die hohe Basisbeteiligung aus und sind Reaktionen auf die anhaltende Krise in Großbritannien, die die enorme Inflation verursacht und die Lebenshaltungskosten aller arbeitenden Familien exorbitant erhöht hat. Nicht zuletzt dadurch, ist die Kaufkraft der britischen Arbeiter:innenklasse in den letzten Monaten eingebrochen.

Heißer Herbst auch in Großbritannien

Mitte August wurde bekannt gegeben, dass die Inflation im Juli die ohnehin schon hohen Prognosen übertraf und ganze 10,1 Prozent erreichte. Die von der britischen Nationalbank geschätzte Inflation von 13 Prozent im Herbst gilt jetzt sogar als „optimistisch“. Vor allem im Energiebereich werden Arbeiter:innen dieses sehr hohe Inflationsniveau deutlich zu spüren bekommen: im Oktober sollen der Regulierungsbehörde Ofgem zufolge die Gas- und Strompreise um bis zu 82 Prozent angehoben werden. Diese Rekorderhöhung toppt sogar die letzte von circa 54 Prozent im Frühjahr diesen Jahres. Dadurch beeinflusst ist die Kampagne „Don’t Pay UK“ entstanden, die mindestens eine Million Menschen dazu aufrufen möchte, ab dem 01. Oktober die enorm hohen Energiekosten zu boykottieren, bis sie sich auf ein „akzeptables“ Niveau eingependelt haben. Die Gewerkschaften, die zum Teil in den letzten Jahren sogar Reallohnverluste hingenommen haben und seit Jahrzehnten keine Streiks organisierten, unterliegen genau aufgrund dieser, sich immer weiter verschärfenden, sozialen Krise einem noch größeren Druck seitens der britischen Arbeiter:innenklasse, die jetzt erst recht Abschlüsse über dem Inflationsniveau erwartet und einfordert. Vor allem die Bürokratien der traditionell linken Gewerkschaften haben die Bedrohung für ihre eigenen Posten begriffen und den Ernst der Lage erkannt.

Den Anstoß für die aktuelle Streikkonjunktur gaben die größten Bahnstreiks seit 30 Jahren zum Beginn des Sommers. Letzte Woche gingen die Streiks der 45.000 Eisenbahnarbeiter:innen in die nächste Runde und auch weitere Unterstützung durch die Gewerkschaftsführung ist erstmal weiterhin gesichert: der Generalsekretär der Eisenbahngewerkschaft, Mick Lynch, zeigt sich den Arbeitgeber:innen weiterhin wenig kompromissbereit und versprach den Mitgliedern der RMT sogar, die Streiks solange unterstützen zu wollen, bis sich die Gewerkschaft mit ihren Forderungen vollends durchgesetzt hat. Nicht unähnlich sieht es bei den Beschäftigten der Post aus: den 115.000 Mitgliedern der Communications Workers Union (CWU) steht der voraussichtlich größte Streik des Sommers bevor. Die ersten Streiktage sind für den 26. und 31. August sowie für den 08. und 09. September geplant. Weitere Streiktage soll es geben, nachdem die Beschäftigten in einer zweiten Urabstimmung zu 98% für weitere Aktionen gestimmt haben. Es muss mit bis zu acht landesweiten Streiktagen bis Ende September gerechnet werden.

Auch unter den Sektoren der Arbeiter:innenklasse, wo die Bourgeoisie aufgrund der strategisch wichtigen Stellung in der Wirtschaft phasenweise geneigt war, durch Überreste der eigenen Profite, Arbeiter:innen mit minimalen Zugeständnissen abzuspeisen, ist Streikbereitschaft zuletzt wieder massivst gestiegen. So hat die Streikwelle zuletzt, wie auch in Deutschland, die Beschäftigten an den Häfen ergriffen. Während des achttägigen Streiks wird eine Gehaltserhöhung im Rahmen des Einzelhandelspreisindex gefordert, die somit einer Erhöhung oberhalb des statistischen Inflationsniveaus gleichkommen würde, nachdem im letzten Jahr die Löhne real um 3% gesunken sind. Am Liverpooler Hafen wird in den kommenden Wochen auch gestreikt, jedoch stehen die Termine noch nicht fest.

Dass der heiße Streiksommer bis weit in den Herbst und Winter fortgesetzt wird, steht bereits fest: Die Pflegekräfte des britischen Gesundheitssystems kündigten den ersten Streik ihrer Geschichte an. Die dazugehörige Urabstimmung in der verantwortlichen Gewerkschaft läuft derzeit. Es werden Gehaltserhöhungen in Höhe von 16,8 Prozent gefordert, 5 Prozent über dem Einzelhandelspreisindexes. Die Forderungen stellen einen gewaltigen Schritt im Bewusstsein der britischen Arbeiterklasse dar, vor allem seit der Pandemie, aber jetzt verstärkt durch die soziale Notlage, die eigene Subjektivität wieder zu begreifen.

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