Ein Interview mit einem aktiven Mitglied der Ortsgruppe Ruhrgebiet

Seit letztem Jahr wurde der Hartz-IV-Satz, beziehungsweise die Grundsicherung um 3 Euro erhöht. In einem selbst gestalteten Schaubild, das am Haupteingang vom Bochumer Hauptbahnhof aufgehangen wurde, ist illustriert, wie die Lebensmittelpreise gestiegen sind: 89 statt 49 Cent für eine Packung Nudeln, 89 statt 39 Cent für eine Packung Mehl, 79 statt 59 Cent für eine Packung Tomatenmark, 2,19 Euro statt 1,45 Euro für eine Packung geriebenen Käse usw. Wie die Website ichbinarmutsbetroffen.de verkündet: Noch nie lebten so viele Menschen in Deutschland am Existenzminimum wie heute. Nicht erst seit des Ukraine-Kriegs schafft es unser Grundsicherungssystem nicht mehr vor Armut zu schützen.

Wie ein Hashtag zu einer Bewegung wurde

Armut ist für viele ein anstrengendes Thema. Es verdeutlicht eindrücklich, wie ungleich die Güter in unserem finanziell eigentlich sehr gut aufgestelltem Land sind. Noch unangenehmer dürfte für viele eine banal klingende Erkenntnis sein: Armutsbetroffene Menschen sind nicht freiwillig arm. Hinter den ehrlichen Twitter-Kommentaren alleinerziehender Mütter, Renter:innen, Studis ohne ausreichende Unterstützung oder hochqualifizierten Menschen mit einem nicht deutsch genug klingenden Nachnamen; verschwindet endlich das für die Hartz-Reformen konstruierte Bild des in der Hängematte schlafenden Sozialstaatsschmarotzers. Denn abgesehen davon, dass dieser keine Zeit zum Schlafen hätte, weil er in einer Maßnahme sitzt, die seinen Qualifikationen nicht angemessen ist; hätte er kein Geld, sich eine Hängematte zu leisten. Wie fühlt sich sein Gang zum Supermarkt an? Hat er Angst, wenn er an seinen Briefkasten denkt? Wie fühlt sich Armut an?

Eine wachsende Online-Bewegung gibt seit Anfang des Jahres Antworten auf diese von zu wenigen gestellte Fragen. Seit Anfang des Jahres 2022 erfreut sich der Hashtag #IchBinArmutsbetroffen wachsender Beliebtheit. Seit Ende Mai schließen sich deutschlandweit Ortsgruppen zusammen, um auf das gesellschaftliche Problem der Armut aufmerksam zu machen. Besonders aktiv dabei ist die Ruhrgebiets-Ortsgruppe, die sich alle zwei Wochen vor dem Bochumer Hauptbahnhof mit Plakaten und Flyern zu einer öffentlichen Fotoaktion trifft. Hier unser Interview mit der beteiligten Person S., die am 23. Juli bei der Aktion dabei war:

DA: Darf ich Dich interviewen?

S.: Klar, gerne. In welche Richtung soll es denn von den Fragen her gehen?

DA: Ich bin selbst Jobcenter-Betroffene und weiß, dass es viele Möglichkeiten gibt, da rein zu kommen – oft durch individuelle Schicksalsschläge. Auf Einzelschicksale möchte ich mich heute jedoch nicht konzentrieren. Armut ist ein strukturelles, generelles Problem dieser Gesellschaft.

S.: Das sehe ich auch so. Das ist so ein Ding, das uns generell nervt, dass Leute uns immer nur fragen, wie es uns geht und nicht, was wir hier machen.

DA: Alles klar, in diese Richtung geht es nicht mit meinen Fragen, sondern eher um eure Strukturen. Seit wann gibt es euch als #IchBinArbmutsbetroffen-Initiative im Ruhrgebiet?

S.: Uns gibt es im Ruhrgebiet von Beginn an. Wir haben uns direkt beim ersten Termin versammelt und haben uns am Bochumer Rathaus getroffen und unser Thema präsentiert. Das war Ende Mai. Es gab diesen Hashtag #IchBinArmutsbetroffen seit Anfang des Jahres. Als sich abzeichnete, dass jetzt alles chronisch teurer wird mit all den Krisen, sollte der Hashtag auf Social Media darauf aufmerksam machen, dass Armutsbetroffene normale Menschen sind. Wir wollen auf ihre Schicksale aufmerksam machen, um zu zeigen, dass man nicht selbst Schuld sein muss, dass es sehr schnell geht – gerade auch mit Corona, wenn man zum Beispiel Long-Covid kriegt und aus dem Erwerbsleben rauskommt.
Als es dann auf den Sommer zuging, hat #EineSorgeWeniger unter dem Hashtag getwittern, wie cool es wäre, wenn deutschlandweit unter dem Hashtag Leute auf die Straße gehen würden, um das Thema in die Öffentlichkeit zu tragen und hat gefragt, wo Leute sind, die bereit wären, so etwas zu tun. Im Ruhrgebiet haben sich sofort genug Leute zusammengefunden. Beim ersten Mal waren wir zwischen fünf und zehn und beim letzten Mal vor dem Hauptbahnhof waren wir bestimmt 50 Leute, die hier waren. Natürlich nicht alle von uns, aber sehr viele Leute sind dazugekommen, um Solidarität zu zeigen, viele sind einfach stehen geblieben und haben sich dazu gestellt. Das hat letztes Mal sehr viel Aufmerksamkeit erreicht.

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